Schüsse in der Nacht

Am 28. Juni 1861 wird in Iggelheim in der Pfalz dem Pfarrer Wilhelm Chr. Theodor Federschmidt (1833-1901) zweimal ins Schlafzimmer geschossen. Seinen Presbytern (= Mitgliedern des Gemeindevorstands) wird dreist der Hanf abgemäht...


Was war der Hintergrund?

Nach der Befreiung von der napoleonischen Herrschaft war 1818 in der Pfalz eine neue evangelische Landeskirche gegründet worden. Ihre Verfassung war geprägt von modernen Gedanken der Aufklärung und des Rationalismus. Das zeigte sich auch im Gesangbuch - mit teilweise auch kuriosen Auswüchsen.
Nach der gescheiterten Revolution 1848 gewinnen in Deutschland die restaurativen Kräfte wieder die Oberhand, auch in der Kirche. Der Versuch, ein neues (konservativeres) evangelisches Gesangbuch in der Pfalz verpflichtend einzuführen, wird in dieser Situation zum Politikum: Der Streit um das Gesangbuch polarisiert und zerreißt die Gemeinden derart, dass sogar der König interveniert, im Februar 1861 wird durch eine Generalsynode den Gemeinden freigestellt, selbst ihr Gesangbuch zu wählen.
Der Vorfall von Iggelheim zeigt, dass die Ruhe damit aber noch lange nicht einkehrte. Denn vielfach waren die Gemeinden selbst in sich zerstritten. 1865 musste das Projekt „neues Gesangbuch“ dann schließlich ganz zurückgezogen werden, die bereits gedruckten Bücher wurden ins „deutsche Ausland“ verkauft.
Es sollte noch mehr als 50 Jahre dauern, bis das (in musikalischer und künstlerischer Hinsicht wohl wirklich verbesserungsbedürftige) alte Gesangbuch auch in der Pfalz durch ein neues ersetzt werden konnte.

Eine kurze Info zur Geschichte der protestantischen Kirche der Pfalz findet sich hier (externer link);
Wie aber ein Neffe von Wilhelm Federschmidt sich um das Singen verdient machte und damit mehr Erfolg hatte, das ist hier nachzulesen - viel Spaß!